2021-05-14

Fusion Bellydance - Synkretismus im Tanz, Cultural Appropriation, beides oder noch was anderes?

Gott sei Dank ist die Diskussion über cultural appropriation auch in die Fusion Szene angekommen. Es schafft aber so viele Verunsicherungen für uns alle. Was “darf” ich noch machen? Was habe ich von anderen Kulturen gestohlen, was ist Teil meiner Kultur geworden? Sind “Kulturen” geschlossene Kreisen?
Es ist mir bewusst, dass ich wahrscheinlich die ganze Debatte so interpretiere, wie es mir passt. Hier in Deutschland bin ich Migrantin(*) aber in Brasilien war ich „weiße Elite“, was mich etwas verwöhnt hat, mir einiges zu erlauben und es als selbstverständlich anzunehmen…
Ich komme aus Sao Paulo. Brasilien ist weit davon entfernt, eine rassismusfreie Gesellschaft zu sein, aber auch das ist eine andere – und sehr wichtige – Geschichte. So oder so, “Fusion” war  praktisch die Regel – auch wenn es verbunden ist mit einer schrecklichen Geschichte von Sklaverei, kulturellem Genozid, Zwangsassimilierung, Subvention von europäischer Migration um die Bevölkerung “weißer” zu machen und und und. Daran ist nichts „gut“. Tatsache ist aber, dass verschiedene Erben sich so wesentlich gemischt haben, dass es völlig normal ist, eine enorme Vielfalt an Reize zu bekommen, und sie kaum noch als exklusiv zu einer bestimmten Gruppe zuordnen zu können.
Heute ist die Welt so vernetzt, dass es nichts Außergewöhnliches ist, als trivialer Beispiel, Bollywood Filme zu schauen können während wir Vietnamesisches Essen verspeisen. Aber bitte hör auf mit dem “Weltoffen”! Eine riesige Menge an “Multikulti“ ist einfach nicht mehr wegzudenken aus unserem Leben. Erlaubt es mir denn, mich beliebig von allem möglichen zu bedienen und das zu präsentieren als wäre ich Expertin, oder als wäre das etwas ganz Neues? Da fangen die Probleme an…
Zurück zu Cultural Appropriation. Meiner Meinung nach gibt’s einen riesigen Unterschied zwischen Elemente aus einer gewissen Gruppe zu nutzen und vermarkten, ohne dass diese Gruppe, die das Produkt “inspiriert” hat, irgendwas davon hat, und das, was ich oben beschrieben hab. Wie viele Modekonzerne machen Millionen mit traditionellen Indigenen Muster, ohne dass die Künstler*innen, die das zur Welt getragen haben, irgendwas daraus verdienen? Das ist einfach unverschämt Plagiat, und weiter machbar, weil sicherlich keiner solchen Künstler*in sich leisten kann, diese Konzerne zu verklagen wegen Urheberrechtsverletzung (geschweige denn kollektives Urheberrecht, das, soweit ich weiß, nicht einmal als Recht geschützt ist). Auch Elemente von Gruppen zu nutzen, um sich darüber lustig zu machen, Sachen verzerren um den “Hunger nach Exotischem” zu bedienen – und davon in irgendwelche Form zu profitieren, sei es finanziell, sei es um besser dazustehen. Zu diesem Punkt, unbedingt Edward Said und Stuart Hall lesen!
Hmm, ich mit Bauchtanz, etwas nach “westlichem Geschmack” angepasst, verdiene großen Teil meines Lebensunterhalts. Und nun? Warum bin ich berechtigt, das zu machen während andere Weißen mit Dreadlocks von der Schwarzen Community stark kritisiert werden?
Ich muss zugeben: ich weiß es nicht. Die Tatsachen, dass großer Teil meiner Auftragsgeber*innen selber Araber*innen oder Türker*innen sind “befreit” mich von allen möglichen Kritikpunkte? Nicht wirklich. Also sollte ich aufhören, weil Bauchtanz nicht zu meinem ursprünglichen Kulturkreis gehört? Das will ich nicht (und ich denke gern, dass meine Auftragsgeber*innen auch nicht froh darüber wären). Also bin ich doch scheinheilig? Vielleicht, und offen für Diskussion mit ALLEN, DIE TATSÄCHLICH DAVON BETROFFEN SIND.
Okay, was ich jetzt sage, nutze ich vielleicht unbewusst in einer Art von Verteidigung. Ob die Ursachen dafür “schön” waren oder nicht, das ist eine andere Geschichte, und ist auch unsere Verantwortung, uns damit auseinander zu setzen – und vor allem zu verstehen und respektieren, wenn Betroffenen nicht begeistert sind, wenn wir Elemente, die Teil ihrer Identität ist, als unsere eigene Kreation präsentieren, oder wenn wir uns als “Expert*innen” verkaufen.
Nicht unkompliziert und unproblematisch, Elemente aus verschiedenen Kulturen beeinflussen sich gegenseitig, mischen sich und verändern sich ständig. Der akademische Begriff, überwiegend auf Religion bezogen, ist Synkretismus. Es scheint also mir genauer zu sagen “synkretistischer Tanz” als “Tribal Fusion” oder “Transnational Fusion” für das, was wir heute machen. Ja, ich weiß, die Diskussion um Nomenklatur ist nervig und häufig führt nirgends, außer zu einer Babel in der Außenstehende gar nicht mehr verstehen, worum zum Teufel es geht. Aber ich persönlich finde respektvoller, weil wir damit nicht behaupten, “Stämme” zu kennen, oder – wie so häufig der Fall ist – so ungenau oder gar völlig daneben bestimmte Elemente an eine gewisse Nationalität zuschreiben. Damit erkennen wir, an dass wir verschiedene Einflüsse in Lauf unserer Tanzreise assimiliert haben und nicht mehr genau auseinander trennen können. Aber Achtung! Das sollte uns trotzdem nicht entmutigen, uns weiter mit spezifischen Tänzen in ihrem (ursprünglichen sozialen) Kontext zu befassen.
Lange Rede kurz: ja, es bleibt kompliziert und wir sollten erst etwas verwenden, wenn wir auch dafür bereit sind, die Konsequenzen zu tragen.

(*) - oder Mitmensch mit Migrationshintergrund, obwohl für mich das Wort “Migrantin” ohne diesen unbewussten Unterton absolut in Ordnung ist und sogar lieber als “Mensch mit Migrationshintergrund” mit dem abwertenden Unterton aus dem Mund von Leute, die wissen, so müssen sie sagen, um nicht als Rassist beschimpft zu werden, aber überhaupt nicht verstanden haben, warum wir versuchen auf die Nutzung einiger Worte aufmerksam zu machen…Die ewige Kluft zwischen inclusive language und political correctness, aber das ist eine andere - und lange - Geschichte).

Admin - 15:15:46 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen